Aus der Sicht eines Menschen mit Asperger Diagnose:


…Erfahrungen :

« Aus der Zeit, bevor ich acht Jahre alt war, kann ich mich eigentlich nur daran erinnern, dass ich enorm viel Zeit damit verbrachte, zu versuchen herauszufinden, warum die Wasserläufer auf dem Teich bei unserem Haus auf dem Wasser herumflitzen können, ohne unterzugehen? 
Vom Hügel aus, auf dem ich wohnte, habe ich auch ganze Tage damit verbracht, beim Rangieren von Güterzügen zuzuschauen. Ich hätte so gern begriffen, wieso ein Güterwagen weit durch das Geleiseareal fahren kann, ohne gezogen oder geschoben zu werden. Bei diesen Beobachtungen war ich immer alleine. Dementsprechend habe ich oft Schimpfe gekriegt und es wurde mir nahe gelegt, mit anderen Kindern zu spielen. Das tat ich nach Möglichkeit auch, doch meine Wasserläufer und Güterwagen waren eben doch interessanter. 
Die Prognose nach einem heftigen Sturz auf den Kopf mit anschliessendem Koma war schlecht: Offiziell war es vielleicht noch denkbar, dass ich mich selbständig anziehen und selbständig essen könnte. Man nahm an, es sei ausgeschlossen, dass ich jemals die Sprache wieder finde oder komplexere Tätigkeiten werde ausüben können. Sechs Wochen lag ich in einem (fast) vollkommen abgedunkelten Zimmer. Im Fensterladen gab es einen kleinen, undichten Punkt, und das grelle Licht dieses Punktes marterte mich Tag für Tag. Irgendwo draussen zirpte andauernd eine Grille in ohrenbetäubender Lautstärke. Später unternahm ich heimlich einen ersten Versuch, zu gehen. Es war furchtbar. Der Boden war mit den Füssen fast nicht zu spüren und schwankte wild hin und her.
Irgendwann wurde ich wieder zur Schule geschickt. Doch dieses seltsam schwammige Gebilde, das inzwischen die Stelle der Landschaft eingenommen hatte, erlaubte keine Orientierung und so fand ich den Weg zur Schule nicht, und auch nicht zurück zum Elternhaus. 

Meine Wahrnehmung war zusammengebrochen!
Es hat Monate gedauert, bis ich ein System ausgetüftelt hatte, mit dem ich mich alleine orientieren konnte. Das ging etwa so: Vom Schulhaus geht man dem eisernen Gelände entlang bis zu seinem Ende. Von dort aus geht man zu dem Lebensmitteladen und sieht von dort aus einen hölzernen Lattenzaun. Bei diesem angelangt sieht man eine Telefonstange, geht von dieser weiter bis zu dem Kilometerstein am Boden. Von dort aus zählt man sieben Schritte und wendet sich nach links. Nur diese kurzen, übersichtlichen Folgeetappen erlaubten es mir, meinen Nachhauseweg zu strukturieren. 
In der Schule selbst gab es eine wahrhaft barbarische Schwierigkeit. Wir mussten vor dem Betreten des Klassenzimmers die Schuhe wechseln. Dazu hatte jedes Kind einen bestimmten Garderobeplatz. Dieser war aber für meine Bedürfnisse nicht ausreichend gekennzeichnet. Da wir die Schuhe mit der Spitze zur Wand unter die Bank schieben mussten, waren sie für mich nicht mehr unterscheidbar, denn die so gerade noch sichtbaren Fersen von Schuhen sehen im Prinzip alle gleich aus. Mit der Zeit fand ich dann die Lösung, einfach abzuwarten, bis alle Kinder der Klasse ihre Schuhe gewechselt hatten. Die letzten waren dann unweigerlich meine. 
Es war schon eine seltsame Welt, in die ich da geraten war. Es ging alles viel zu schnell. Mir war, als lebte ich in einem Kintoppfilm. Es herrschte auch überall ein ständiger, fürchterlicher Gestank. Mir war, als wären diese ständig wie verrückt herumzappelnden Menschen inzwischen verblödet, denn was ich sagte, verstanden sie nur selten, und selber drückten sie sich in einer derart schwammigen Weise aus, dass ich wiederum kaum eine Chance hatte, sie zu verstehen. 
Mit der Zeit hatte ich, ohne recht zu begreifen worum es wirklich ging, so etwas wie eine improvisierte Selbsttherapie erfunden. Ich begann, Bilder aus Prospekten und alten Zeitschriften auszuschneiden. Ich trennte so die interessierenden Gegenstände von ihrem verwirrenden Hintergrund. Manchmal klebte ich diese auf ein Blatt und zeichnete den weggeschnittenen Hintergrund wieder dazu. Dadurch lernte ich allmählich, jenes visuelle Chaos, das damals mein Gehirn überflutete, in sinnvolle Einzelelemente zu zerlegen. So gelang es mir, meine visuelle Verarbeitung zu verbessern. 
Dadurch, dass die meisten Tätigkeiten in vollständiger Isolation stattfanden und enorm viel Zeit beanspruchten, entstand praktisch kein sozialer Austausch mit Gleichaltrigen. 
Später war auch die Zeit gekommen, in der man sich nach einer Lebensgefährtin umschaut. Hier allerdings begann sich zu zeigen, dass ein Mensch mit Wahrnehmungsstörungen kaum Gelegenheit hat, die üblichen Formen des Sozialverhaltens von Kindesbeinen an einzuüben und so gut wie keine Chancen hat.
Ich stiess nur auf Ablehnung. Ein Mensch wie ich wird als kalt und gefühllos empfunden. 
Ich wiederum konnte mit meiner Lebensauffassung nichts mit dem inkongruenten Gerede und Verhalten anfangen, das in solchen Situationen anscheinend unvermeidlich eintritt und welches mir wiederum als kalt und gefühllos vorkommt. 
Es war wohl etwas naiv, zu meinen, ich könne über die Lektüre schöngeistiger Literatur Einblicke in das Wesen zwischenmenschlicher Beziehungen erlangen.
Es ist der reinste Teufelskreis. Weil man mit den zwischenmenschlichen Beziehungen so schlecht zurechtkommt, interessiert man sich vermehrt für technische und wissenschaftliche Sachinhalte, was wiederum dazu führt, erst recht als eiskalt und gefühllos abgelehnt zu werden. 
Oft höre ich, autistische Personen hätten ein mangelndes Einfühlungsvermögen in andere Menschen. Das mag wohl wahr sein. Doch was bedeutet dieses mangelnde Einfühlungsvermögen schon im Vergleich zu der praktisch abwesenden Einfühlung, welche das jeweilige Umfeld autistischen Personen und ihren Problemen entgegenbringt? Ich hatte mein ganzes Leben lang darunter zu leiden. »

M.M. Schweiz